Ein erdverbundenes Gespräch mit Emmanuelle Roule, Designerin und Keramikerin in Marseille

Erde und Keramik

Nach ihrer Ausbildung in Grafikdesign und Verlagswesen an der Pariser Kunsthochschule Olivier de Serres gründete Emmanuelle 2007 ihr Design-Studio und nahm eine Reihe von Grafik-Aufträgen an. Zur gleichen Zeit trat sie einem Kollektiv bildender Künstler bei, mit dem sie über mehr als zehn Jahre ein Kunstprojekt in Verbindung mit Umweltthemen ins Leben rief und entwickelte: La Banque du Miel. Diese Initiative installierte Objekte auf den Bürgersteigen der Städte, mit denen sie Menschen und Bienen zusammenführen sowie verschiedene Themen und Fachgebiete ansprechen wollte.



Parallel zu diesem Projekt arbeitete Emmanuelle ab 2013 an einem experimentellen Studienprojekt für Form und Gestaltung mit dem Werkstoff Ton.

2017 gründete sie zusammen mit drei anderen, ebenfalls autodidaktischen Keramikern das Studio und Kollektiv Gangster im Pariser Bastille-Viertel. „Die Tatsache, dass wir unseren eigenen Raum geschaffen und eingerichtet haben und über einen eigenen Ofen verfügten, hat unsere Arbeit drastisch geändert. Jede von uns arbeitete an ihren persönlichen Projekten, zu denen sich ein 5. Element gesellte: das des Kollektivs, wo wir Werke mit acht Händen entwarfen und fertigten.“

Seit 2019 baut sie das Studienprojekt Patrimoine vivant (lebendiges Kulturerbe) auf, das sich mit dem Werkstoff Ton und seinen Möglichkeiten beschäftigt und die Art und Weise hinterfragt, mit der wir Räume, Möbel und Objekte in einem sich ständig wandelnden wirtschaftlichen und ökologischen Kontext gestalten und produzieren. Diese Arbeit beruht insbesondere auf der Verbindung von Ton mit Biopolymeren wie natürlichem Bienenwachs.


Marseille

Emmanuelle empfindet „eine langjährige Verbundenheit“ mit der Stadt Marseille. Sie liebt ihren unverfälschten, starken Charakter, ihre charakteristische Diversität und die Buchten der Calanques, die die Stadt umgeben und deren Felswände größtenteils aus lehmhaltigem Kalkgestein bestehen.

Da die Mittelmeerküste und Marokko eine wichtige Rolle in ihrem Projekt „Patrimoine vivant“ spielen, war es für Emmanuelle die einfachste Lösung, es in Marseille zu entwickeln.
Ihr Interesse für Marseille spiegelt auch ihren Wunsch wider, künstlerische Berufe, das Kunsthandwerk und zeitgenössische Werke in die Herzen der Städte zurückzubringen und an die wenig bekannte Geschichte Marseilles als eine der führenden Städte Frankreichs für Kunstkeramik seit dem 17. Jahrhundert anzuknüpfen.


Gründung eines irdenen Raums mitten in Marseille

Wenige Schritte vom Vieux Port von Marseille entfernt hat Emmanuelle ihr neues Studio eingerichtet. Es ist Teil eines größeren Raumes, den sie im Juni 2021 zusammen mit Stéphanie Pigaglio, Gründeren des Clay Ateliers in Paris, eröffnet hat.
Ziel der beiden Frauen war es, einen 200 m2 großen, vielseitigen Mehrzweckraum zu schaffen, der dem Ton gewidmet und für die Öffentlichkeit zugänglich ist.


Werkstoffe, Ressourcen und Know-how

Mit ihrem Projekt Patrimoine vivant möchte Emmanuelle auch eine zeitgenössische Interpretation der Keramikbranche bieten. Dabei stellt sich natürlich die Frage der Emaillierung, bei der von Natur aus toxische Stoffe zum Einsatz kommen sowie seltene Erden, deren Gewinnungstechniken bedenklich sein können. Als vor 10.000 Jahren in der Jungsteinzeit die Töpferei aufkam, wurde zum Abdichten der Keramikgefäße hauptsächlich Bienenwachs verwendet. Emmanuelle arbeitet daran, die Verwendung von Bienenwachs als natürliches Dichtungsmittel wiederzubeleben und zu etablieren, um eine nachhaltigere Alternative für die klassische Emailliertechnik zu bieten.

Im Hinblick auf die Farbe bemüht sie sich, „möglichst natürliche und lokale“ Pigmente zu erwerben oder mit von Natur aus gefärbtem Ton arbeiten. „Das ist ein langwieriger Prozess, doch es ist ein Schritt, den man in Betracht ziehen sollte und mit dem ich mich identifizieren kann.“

„Es ist äußerst wichtig und dringend notwendig, gesundheits- und umweltschonendere Produkte zu verwenden, deren Eigenschaft und Herkunft bekannt sind. Wir können unsere Verfahren, unsere Handlungen nicht einfach von der Problematik der drastisch fortschreitenden globalen Erwärmung trennen. Wir sägen unbeirrt den Ast ab, auf dem wir sitzen.“


News

Anlässlich der kommenden Paris Design Week im September wird Emmanuelle ihre Arbeit in der Galerie Amélie Maison d’art sowie in der Fondation Thalie in Brüssel ausstellen. Die Einweihung des Bereichs Erde findet Mitte September in Marseille statt, und auf Einladung des Kunstzentrums Kiosque wird Emmanuelle auch an der Nuit Blanche in Mayenne Mayenne teilnehmen.

Photos @charlottenavio
Styling @elissacastelbouloiret
Make-up @vanillegautier
Clothes @reuni.co

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